Im vergangene Jahr habe ich mit meinem Jahresurlaub ein kleines Abenteuer gewagt. Eine Reise nach Russland zum und am Baikalsee entlang. Ich habe vergeblich versucht die Bilder dieser Reise zu einem Blogeintrag zusammenzufassen. Doch dies wird den Erlebnissen in keiner Weise gerecht. Daher gibt es nun in mehreren Teilen und über einen längeren Zeitraum hinweg eine Reisebeschreibung mit Bildern. Ich hoffe sehr, ihr schaut regelmäßig vorbei und sagt mir wie es euch gefällt!

Im tiefsten Asien liegt der mit 1642 Metern tiefste und zudem noch älteste Süsswassersee der Erde. An seinem Abfluss, der Angara, am süd-westlichen Ende liegt die 600.000 Einwohner Stadt Irkutsk. Von dort aus begann unsere Tour auf die Insel Olchon, in die Berge nahe der mongolischen Grenze und schließlich entlang des Westufers. Unsere Begleiten waren für 2 Wochen ein russischen Guide, der kaum englisch sprach, und sein 25 Jahre alten und sehr klapprigen UAZ Bus.

 

25. Juli 2016

Am Morgen des 25. Juli 2016 beginnt unsere Reise im idyllischen Thüringen. Vor uns liegen lächerliche 250 km Asphalt um dann den 4.000 km Flug anzutreten. Eine Alternative zum 10 stündigen Fluge wäre übrigens laut Google Maps 4,5 tägige Anreise per Bahn über Warschau, Brest und Moskau. Der Flug ist vorallem eines – langweilig. Die Zeit vertreiben wir uns mit Fotoexperimenten wie Langzeitbelichtung aus dem Fenster ohne Stativ um das Abendrot und die Sterne einzufangen. Nach mehreren erstaunlich leckeren Mahlzeiten, gefühlten 50 Fotos der immer gleichen Motive und ein wenig Schlaf erreichen wir am Morgen gegen 4 Uhr Irkutsk. Die Taxifahrt zu unserer Unterkunft ermöglicht uns einen ersten und auch ganz besonderen Eindruck von dieser „Metropole“ am Baikalsee. Die Stadt ist wie ausgestorben und das Morgengrauen. Die Dunkelheit der vergangenen Nacht verbirgt noch die schäbigen Gassen der Stadt und gleichzeitig verleiht das zarte Licht des anbrechenden Morgens den herrschaftlichen Gebäuden eine mystische Eleganz. Untergebracht sind wir für die 3 Nächte in „Mamas Hostel“. Die kommenden Tage dort werden zeigen das der Name hält was er verspricht. Schon der Empfang ist herzlich. Unsere Gastgeberin Galina kommt im Nachthemd schlaftrunken aus ihrem huzeligen Holzhaus um uns in die Zimmer im Nachbarheus zu geleiten. Völlig erschöpft fallen wir gegen 5 Uhr am Morgen in unsere Betten und schlafen einen tiefen Erholungsschlaf.

 

 

 26. Juli 2016

An unserem ersten Irkutsk-Tag werden wir von Galina zur Stärkung für das Tagesprogramm mit Blinis und kristallzuckerstarker Fruchtmarmelade gemästet. Vor uns liegen viele Kilometer Irkutsker Stadtpflaster und -schotter. Schon der erste Tag zeigt die großen Widersprüche dieses Landes auf. Der Großteil der Gebäude erweckt einen toten und unbewohnten Eindruck und doch erspähe ich regelmäßig Gardinen in den Fenstern dieser Gebäude oder sehe wie ein Frau ihre Wäsche vor der brüchigen Steinwand ihrer Wohnung aufhängt. Auf der anderen Seite hat die Stadt unzählige sehr gepflegte und ausgeschmückte Kirchen und andere religiöse Gebäude. Auf vermüllten Wegen und vorbei an vernachlässigten und kaputten Häuser tritt man dann durch weiß getünchte Tore ein in eine andere Welt. Blumenkübel, weiß erstrahlt der Putz, goldene Verzierungen soweit das Auge reicht. Am Fluss, der Angara, gibt es so etwas wie einen kleinen Freizeitpark für Kinder. Vor der Statue von Zar Alexander III, dem Begründer der Transsibirischen Eisenbahn, fahren Kinder eine Art Autoscooter und haben beim Dosenwerfen ihren Spaß. Auf dem Markt koste ich meinen ersten Schluck „Kwas“. An jeder Straßenecke wird dieses typische, aus Brotgärung hergestellte Erfrischungsgetränk angeboten. Ich bin skeptisch, doch schlussendlich überrascht - der Brottrunk, der aus einem Tank in Becher abgefüllt und für ein paar Kopeken verkauft wird, schmeckt süßlich erfrischend. Im Einkaufszentrum üben wir die russische Art einzukaufen. Denn die Waren kann man nicht selbstständig nehmen und damit zur Kasse gehen, sondern muss das gewünschte Produkt bei der Dame ordern, die zwischen ihrem Sortiment eingezwängt hinterm Verkaufstresen sitzt. In Landessprache stellt das auch keinerlei Probleme dar… sofern mann/frau sie beherrscht. Wir verbringen einige mühsame Minuten an einem Drogeriestand um die richtige Sonnencreme zu ordern und sind schließlich stolz wie Bolle als wir nach unzähligen Fingerzeichen zum Ziel kommen. Auf dem Markt erstehen wir frisches Obst und Gemüse, dass viele Privatleute hier anbieten. Jede Oma die auch nur 3 Blaubeeren in ihrem Garten hat, findet sich hier jeden Tag ein um Kontakte zu pflegen und nebenbei die eigene Ernte zu verkaufen Alles ist frisch und lecker und extrem günstig.  Und wieder stellen wir fest, dass die Gegensätze kaum größer sein können: auf der einen Seite feinste Juwelierläden und gleich im Nachbargebäude ein schäbiger Imbiss mit defekter Haustechnik und Löchern im Außenputz. Oder fein gekleidete und perfekt geschminkte Russinnen in gefährlich hohen High-Heels steigen in völlig verbeulte Autos, die eher an einen Haufen Blech erinnern und mit Mühe und Not und viel Klebeband noch zusammen gehalten werden. Mit all diesem Eindrücken begeben wir uns auf den Rückweg zum Quartier. Dabei bestaunen wir die wunderschönen alten Holzhäuser, die so typisch für diese Stadt sind. Alt und runzlig und schief und wunderschön säumen sie einige Straßenzüge der Innenstadt. Da sie ohne Fundament gebaut werden, sinken sie Jahr für Jahr zur Schneeschmelze ein Stück in den Erdboden ein. Um dennoch festen Fusses das Heim betreten zu könne, wird die Haustür oft erhöht und eine Treppe in die niedriger gelegene Wohnebene gebaut. Bei einigen Häuser gibt es ganz und gar eine zweite Haustür wenn die ursprünglich schon nicht mehr zu öffnen ist. In einem Gespräch mit Galina am Abend erfahren wir viel über das Verhältnis der Russen zu Häusern. Keiner scheint sich verantwortlich zu fühlen, da der Staat die Wohnungen geschenkt hat und keiner die Notwendigkeit für gründliche Instandhaltung sieht. Leckt das Dach, hat der Wohnungsbesitzer im obersten Geschoss ein Problem. Es wird geflickt und geklebt oder einfach ein Eimer unter das Dach gestellt. In unserer deutschen Gründlichkeit können wir das nicht nachvollziehen.

 

 

 27. Juli 2016

Ein zweiter Irkutsk-Tag liegt vor uns. Gut Ding will Weile haben und so lassen wir uns mit Frühstück und dem Aufbruch in die Stadt reichlich Zeit. Vorbei an unserem Nachbarn - dem Plüsch-Rentier im Treppenhausfenster - statten wir Galina eine kleinen Besuch ab. Nach dem Plausch mit ihr am Küchenfenster machen wir uns auf den Weg zur Uferpromenade der Angara. Die Angara ist der Abfluss des Baikalsees im Westen und legt insgesamt 3500 km zurück bis sie schließlich in den Jenissei mündet. Ganz in der Nähe der Statue Alexander III befindet sich ein ethnologisches Museum. Unsere Frage, ob die Ausstellung auch in englisch erklärt wäre, wird bejaht. Doch leider trifft dies nur auf das erste Ausstellungsstück im Saal zu. Der Google-Translater mit Bilderkennung wird bemüht und erleichtert uns dadurch das Verstehen. Das Museum zeigt vor allem Ausstellungsstücke verschiedener Nomadenstämme Sibiriens, Musikinstrumente und Kleidung. Besonders angetan hat es mir eine Handtasche aus Hühnerfüßen. ;-) In den darauffolgenden Stunden besichtigen wir wie am Vortag Kirchen, Theater und schlendern durch die Touristenmeile mit nagelneuen Holzhäuser, Restaurant an Restaurant und jeder Menge Lädchen die überteuerten Klimbim anbieten. Dor treffen wir auch auf das ursprüngliche Stadtwappen von Irukutsk, welches eine durchaus lustige Geschichte hat. Das heutige Wappen zeigt eine Art Fabelwesen - halb Tiger, halb Biber - der ein kleineres Tier im Maul hat. Ursprünglich jedoch sollte dies ein sibirischer Tiger mit einem Zobel als Beute sein. Von verschiedensten Regierungen musste das Siegel immer wieder genehmigt werden. Im Jahre 1878 jedoch wurde durch eine Verwechslung des Wortes "babr" (Tiger) mit "bobr" (Biber) aus dem stolzen Sibirischen Tiger ein Biber. Raus aus der noblen Tourimeile suchen wir den Stadtpark. Oh oh oh - was sind wir enttäuscht und zugleich amüsiert. Der Parkt ist eher eine zerfurchte Wiese mit vereinzelten Bäumen und wild verteilten Betonklotzen. Gleich nebenan bestaunen wir den absurden Betonklotz der das Musiktheater beherbert. Vom vielen Laufen müde nehmen wir die Straßenbahn und lassen uns durch die Straßen rattern und schaukeln. Und nun erreichen wir einen wirklich schönen Fleck in Mitten des Lärmes und Zerfalls. Das Europäische Haus ist wunderbar hergerichtet und das Gelände gepflegt und bepflanzt. Eine kleine Oase. Dort sind auch Tafeln der Irkutsker Partnerstädte aufgestellt. Darunter Pforzheim. Wir entdecken noch eine wunderschöne Synagoge. In diesem jüdischen Gotteshaus werden wir als Christen von einem Muslimen herzliche empfangen. Unsere Stadttour findet nun ihr Ende denn wir sind mit dem Organisator unserer Tour zur Geldübergabe im Mamahostel verabredet. Wir gehen mit ihm noch einmal die vereinbarte Tour durch. Er erzählt, dass er Dimitri, unseren Guide für die Tour, bisher noch nicht mit Touren beauftragt hat, aber sicher ist dass dieser ein anständiger Kerl ist - er hat schließlich Familie und trinkt nicht. 8-) Ursprünglich war geplant ihn an diesem Abend schon kennenzulernen, doch Dimitri ist noch mit der Reparatur des Autos beschäftigt. Auf unser Stirnrunzeln hin, versichert man uns, er habe das Auto ganz neu gekauft - wir sollen uns keinen Sorgen machen. Ich frage mich jedoch warum ein neues Auto erst einmal repariert werden muss... Wir werden es morgen erfahren. Am Abend stoßen wir auf unser bevorstehendes Abenteuer an - mit russischem Bier und Kwas.

 

 

28. Juli 2016

Dimitri holt uns 9Uhr am Morgen ab. Er machte einen sympathischen und dennoch sehr schweigsamen Eindruck. Die ersten Missverständnissen haben wir bei der Tourenbesprechung. So richtig sicher sind wir uns nicht ob wir ihn und er uns richtig verstanden hat. Wir verständigen uns halb russisch, halb englisch. Sein "neuer" Wagen ist ein 25 Jahre alter UAZ Bus mit viel Charme und Charakter. Ein sehr robustes Auto, dessen Ecken und Kanten wir in den kommenden Tagen zur Genüge kennenlernen werden. Aber nun geht es los und wir vier freuen uns auf die neuen Erlebnisse. Rasant geht es durch die Stadt und schließlich raus ins weite Baikalsee-Vorland. Kurz vor einer Polizeikontrolle schnappt sich Dimitri noch schnell seinen Gurt, lässt ihn allerdings sofort wieder los sobald wir den Polizeiwagen passiert haben, während wir im Auto durch Geschwindigkeit und Unebenheiten im Auto hin und her geschüttelt werden und unser Steißbein sich schnell zur Wort meldet. Die ersten Kilometer führen uns durch Farmland, vorbei an Kühen und kleinen Holzsiedlungen. Und unsere erste Begegnung mit einer typischen russischen Stehtoilette steht uns bevor. Ein brisantes Thema für den gesamten Urlaub - ich werde zu einem späteren Zeitpunkt davon berichten. Irgendwann öffnet sich am Straßenrand eine Parkbucht mit bunt behangenen Bäumen und Bänken. Hier an dieser Kultstätte legen viele Reisende kleine Opfergaben wie Reis, Bonbons oder Münzen nieder um die Götter wohl zu stimmen. Ich kenne den gütigen Gott der Bibel. Darauf kann ich also getrost verzichten. Rasant geht es weiter - bergauf mit Bleifuß auf dem Gaspedal bis schlielich nichts mehr geht und bergab im Leerlauf rollend bis zur Senke und wieder bergauf. Es ist eine kleine Berg- und Talfahrt. Auf Schotterpisten schießt der klapprige UAZ Kurve um Kurve dem Baikalsee entgegen. Wie sich im Laufe der Reise herausstellen wird sind die Autofahrten mit Dimitri eine Therapie gegen meine Reieübelkeit und gelegentliche Angstzustände. Was bei mir anfangs noch Schweißhände verursacht, lässt nicht nach 10 Tagen gelassen bis ich sogar auf der Rückbank sitzend ein Buch lesen kann. Das wäre zuvor für mich unvorstellbar gewesen. Wer also auch Probleme mit Reiseübelkeit hat dem kann eine eine Mehrtagesfahrt mit Dimitri nur wärmsten ans Herz legen! Es wirkt! ;-) Von Anfang an dieser Tour hegen wir einen kleinen Kampf mit den Fenstern des Busses. Durch die holprige Fahrt rutscht immer wieder der Fixierhebel runter, das Fenster öffnet sich und der Straßenstaub zieht in den Wagen, legt sich auf Gepäck, Sitze und Atemwege. Unser erster Stopp an diesem Tag ist ebenso Autobedingt - die Hecktür öffnet sich ganz und gar und der erste Rucksack macht sich selbstständig. Kurz vor Erreichen des Sees führt uns Dimitri durch Buguldeyka. Diesen Ort gibt es gleich zweimal - einen alten und einen neuen Ort. Die Bewohner verließen der baufälligen Ort um gleich nebenan ihr Dorf wieder aufzubauen. Unsere Mittagspause machen wir schließlich am Baikalsee. Da ist er! Im Dunst liegt er vor uns, kleinen Wellen umspülen den Steinstrand. Dort sitzen ein paar Menschen und machen Picknick. Dimitri serviert und Brot, Käse, Wurst und Tomaten und schließlich Instantkaffee und leckere Kekse. Es ist ein Traum dort. Idyllisch und nach der Stadt traumhaft ruhig. Ein paar Kilometer weiter stoßen wir auf einen verlassen Mamorsteinbruch. Riesige Mamorquader liegen dort lose verteilt, die Hütte der Arbeiter steht verlassen und verrümpelt und selbst Hundehütte und die Spinte für die Arbeitskleidung sind noch erhalten. Mich begeistert das natürlich als Fotomotiv. Es wirkt als habe man diesen Ort urplötzlich und sehr panisch verlassen. Was sich wohl dahinter verbirgt? Heute werden wir es wohl nicht ergründen. Der Weg zu unserem Nachtquartier in der Krestovsky Bucht ist schwer zu finden in einem Netz aus vielen Wegen und Abzweigen. Während Dimitri im Zwiegespräch mit seinem GPS-Gerät ist genießen wir die schöne Aussicht auf die saftiggrüne und friedliche Hügellandschaft. Angekommen in der Bucht machen wir noch einen Spaziergang zum Ufer, durch die Rinderherde hindurch und verfolgt von Fliegenschwärmen. Und ein leckeres, warmes Abendessen bekommen wir im Zentralgebäuder der dieser kleinen Feriensiedlung serviert. Unser Quartier ist eine sehr süße, spartanische Holzhütte. Zwei Stunden am Abend gibt es Licht durch einen Generator, das Wasser kommt aus einem Tank und muss mit Eimer in die Vorratstank der Waschbecken gefült werden. Geschlafen wird auf einfachen Holzpritschen. Doch wir sind allesamt glücklich und fühlen uns pudelwohl an diesem Ort. Der perfekte Abschluss dieses Tages ist ein Lagerfauer. Dort schließen wir noch Bekanntschaft mit einer russischen Familie.

 

 

 

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